Neurodivergent mit AUDHS: Im Wechselbad der Extreme

Jan. 16, 2026 | Psychische Gesundheit

Neurodivergent mit AUDHS: Im Wechselbad der Extreme

Jan. 16, 2026 | Psychische Gesundheit

Zwei Welten – Ein Kopf: Zwischen Kreativ-Feuerwerk und „Nichts geht mehr“.

Neurodivergent.

„Warum kannst Du Dich stundenlang für die kleinsten Details einer Sternenkarte begeistern – aber vergisst, dass heute Dein Projekt-Abgabetermin ist?“
Mein Klient hat diese Frage über lange Zeit sehr oft gehört. Da wußte er selbst noch nicht, warum er so „anders“ tickte als andere Menschen. Heute kennt er die Antwort, und auch sein Umfeld versteht zunehmend, was dahintersteckt. Für ihn ist es Alltag und Ausnahmezustand in einem: Er pendelt ständig zwischen Vollgas und Stillstand – zwischen dem Sog seiner Sternenwelten und dem Chaos des Terminkalenders.

Ein ganz normaler Tag mit AUDHS.

Ein Tag, zwei Drehbücher

Es gibt diese Tage, an denen einer meiner Klienten mit AUDHS zum Beispiel vollkommen in seinem sogenannten Spezialinteresse verschwindet – oder sich stundenlang wie besessen in ein Projekt vertieft. Dann sitzt er über alten Sternenkatalogen, zeichnet winzige Sternbilder akribisch nach, vergleicht historische Himmelskarten mit aktuellen Teleskopfotos, recherchiert Querverbindungen, macht unzählige Notizen. Der Kaffee bleibt halbvoll, das Mittagessen wird vergessen, Zeit und Müdigkeit existieren einfach nicht. Hochfunktionaler Autismus im Turbo-Modus: Volle, absolute Konzentration, ein Aufgehen in jedem Detail.

Doch das hat einen Preis. Wenn irgendwann der Akku leer ist – nach Stunden, manchmal nach Tagen – kommt der Crash: totale Erschöpfung, oft gefolgt von Leere, Kopfschmerz, sozialem Rückzug. Der Körper fühlt sich plötzlich bleischwer an, das Gehirn schaltet ab. Ein Blackout oder Shutdown – als würde sein System unerbittlich auf Reset gehen.

Gleichzeitig lauert das andere Drehbuch im Kopf: Plötzlich genügt ein Handy-Vibrieren, eine lose Idee („Wo ist eigentlich mein Haustürschlüssel?“), und der eben noch so glasklare Fokus zerspringt wie Glas. ADHS. Hektik breitet sich aus, Impulse wirbeln durch den Tag, die Gedanken springen von Tab zu Tab, von der To-Do-Liste zum Abwasch und zurück. Was vorher kristallklar geordnet war, löst sich auf in Chaos – bis der Kreislauf irgendwann von vorn beginnt.

Außen: Funktionieren, Innen: Chaos

Von außen betrachtet „Funktionieren“ viele Menschen mit AUDHS scheinbar mühelos: Sie „liefern“ tolle Ergebnisse, halten brillante Vorträge, bearbeiten endlos E-Mails, entwickeln kreative Lösungen. Doch was auf den ersten Blick effizient und reibungslos wirkt, ist von innen oft ein echter Kraftakt, der viel Energie kostet.

Während ihr Gesicht lächelt, kämpfen Gedanken und Gefühle im Hintergrund wie im Sturm. Um die ständige Überforderung zu übertönen, drehen viele die Musik lauter, versuchen sich mit Kaffee, Cola, Zucker oder abends mit Alkohol oder anderen Substanzen zu regulieren – alles, um irgendwie Ruhe zu finden, das System auszuhalten, sich zu stoppen oder kurz abschalten zu können.

Was niemand sieht: Das innere Ringen um Ordnung, Struktur, ein bisschen innere Klarheit – zu einem hohen Preis.

Das Gefühl, nicht so ganz in diese Welt zu passen, begleitet viele schon seit Kindheitstagen – doch erst mit der Diagnose oder dem Begriff AUDHS bekommt das Erleben einen Namen und eine Landkarte. Endlich entsteht Sprache für die eigene Logik, die Reizoffenheit, die Hyperkräfte – und die scheinbar grundlosen Aussetzer.

Zerrissen zwischen Struktur und Chaos: Die Realität von AUDHS

Menschen mit AUDHS stehen oft buchstäblich auf der Brücke zwischen zwei Welten:

  • Dem Bedürfnis nach Struktur, Klarheit, Routinen in bestimmten Bereichen (Autismus)
  • Und dem inneren Tsunami von Impulsen, Neugier, Unruhe (ADHS)

Was dabei entsteht, führt zu Hochgefühlen bei besonderen Erfolgen – aber auch zu tiefer Verzweiflung über scheinbar banale Alltagsprobleme wie einem verlorenen Fahrradschlüssel.

Manche nennen das chaotisch, detailverliebt, schwierig – andere bewundern die Kreativität, Tiefe und die blitzartigen Assoziationen. Fast niemand ahnt, was es kostet, zwischen diesen Polen immer wieder hin und her zu wechseln – und dabei so zu tun, als sei alles „ganz normal“.

Und was ist schon normal?
Was für viele außenstehend „ganz normal“ erscheint – morgens aufstehen, zur Arbeit fahren, Aufgaben abarbeiten, Smalltalk, Termine einhalten – ist für Menschen mit AUDHS eine tägliche Hochseilnummer. Das, was gesellschaftlich als „normal“ gilt, liegt wie eine unsichtbare Messlatte über allem. Für neurodivergente Menschen fühlt sich eben diese Normalität häufig wie ein Spalt neben dem eigenen Leben an – unerreichbar, irgendwie fremd.

Es kostet enorme Kraft, andauernd so zu tun, als gehöre man selbstverständlich dazu und hätte alles im Griff. Dabei laufen eigentlich zwei Drehbücher gleichzeitig ab: das eigene, mit all seinen Besonderheiten – und das Skript der „normalen“ Gesellschaft, das von Anpassung und Leichtigkeit ausgeht.
Die vorangegangene Geschichte ist beispielhaft für das, was Menschen mit AUDHS Tag für Tag jonglieren: Zwei Drehbücher in einem Leben. Mitten in der „normalen“ Gesellschaft – aber nie angekommen.

Die schwierige Diagnose: Warum AUDHS oft übersehen wird

„Ich wusste immer, irgendwas ist anders – aber dass zwei so verschiedene Diagnosen in mir wohnen, daran hätte ich nie gedacht.“

So erzählt er es mir.
Und ich höre Sätze wie diesen immer wieder.
Denn das Leben mit AUDHS fühlt sich oft an wie ein unsichtbarer Spagat zwischen Welten, der selten auffällt – und noch seltener wirklich verstanden wird.
Nach außen ist alles „okay“ oder sogar außergewöhnlich; nach innen herrscht das stille Ringen um Klarheit, Struktur und innere Ruhe.

Entweder – Oder? Die klassische diagnostische Falle

Wenn ein Mensch irgendwann beschließt, professionelle Hilfe zu suchen, folgt nicht selten ein diagnostischer Irrgarten.
ADHS oder Autismus – das ist für viele Ärzte und Therapeuten immer noch eine Entweder-oder-Frage. Die offiziellen Kriterien „erlauben“ beides zusammen nicht.

Wer zum Beispiel schon als Kind mit ADHS abgestempelt wurde, der bekommt selten die Chance, den autistischen Anteil zu betrachten – und andersherum.
Das führt dazu, dass viele Betroffene Jahre oder gar Jahrzehnte nur „halb erkannt“ leben: Keine Kategorie passt so richtig, jeder Test fühlt sich an wie ein zu enger Schuh.

Doch in Wahrheit funktioniert das AUDHS-Leben nicht nach Schubladenlogik.
Es gibt keine klaren Konturen, keine eindeutigen Antworten.
Symptome schlängeln sich umeinander, verdecken sich gegenseitig, passen oft in keine Kategorie.

Das Zwiebel-Prinzip: Masking und das doppelte Versteckspiel

Besonders spannend – und herausfordernd – ist das Masking.

Die meisten Menschen mit AUDHS sind Meister des Anpassens.
Sie lernen früh, ihre Auffälligkeiten zu kaschieren, zu kompensieren:
Die chaotische Reizwahrnehmung wird durch minutiöse Struktur kaschiert.
Die Hyperaktivität wird – im Meeting, vor Kollegen – in produktiven Überschwang verwandelt.
Sozial ungewohnte Verhaltensweisen verstecken sich hinter einstudierten Smalltalk-Formeln.
Und wehe, das geht mal schief: Dann arbeitet das System im Hintergrund fieberhaft, um den „Fehler“ zu verschleiern, zu rechtfertigen oder sich für den Rest des Abends zu grämen.

Das Problem:
Dieses doppelte Masking kostet unfassbar viel Kraft – und hat seinen Preis.
Erst in der stillen Stunde, im Rückzug, kommt die Erschöpfung.
Viele Klienten berichten mir, dass sie nach sozialen Events tagelang nichts mehr fühlen können, als hätte jemand den Stecker gezogen.

Wissenschaftlich betrachtet: Die unterschätzte Schnittmenge

Die Forschung entdeckt langsam, wie groß die Schnittmenge wirklich ist.
Bei Kindern und Jugendlichen geht man davon aus, dass mindestens jedes dritte Kind mit einer Autismus-Spektrum-Störung auch ADHS-Merkmale zeigt (vgl. Leitner, 2014).

Umgekehrt ist es ebenso: Viele Erwachsene mit ADHS haben unerkannte autistische Anteile.
Trotzdem bleibt die Kombi lange unsichtbar – oft, weil wir immer noch in alten, starren Diagnosesystemen denken.
Die WHO, das DSM-5 und selbst viele Fachzentren tun sich mit der Diagnose schwer.
In der Folge leben viele Erwachsene (und ihre Familien) mit einem doppelten Fragezeichen – und mit doppeltem Druck.

Diagnose? Fehlanzeige. Das Phantom im System

Hier liegt eine der größten Herausforderungen für viele meiner Klienten:
Die Diagnose „AUDHS“ existiert offiziell noch gar nicht.
Weder im ICD-10 noch in der aktuellen ICD-11 findest du einen eigenen Code oder Namen für die Kombination von Autismus und ADHS. Dort steht entweder Autismus-Spektrum-Störung – oder ADHS.
Beides gleichzeitig? Gibt’s offiziell (noch) nicht.

Exkurs: Was bedeutet eigentlich ICD-10 & ICD-11?

ICD steht für „International Classification of Diseases“, zu Deutsch: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Es ist das weltweit wichtigste Diagnoseverzeichnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Alle körperlichen und psychischen Erkrankungen erhalten dort einen Zahlencode. Ärzte, Kliniken, Psychotherapeuten – sie alle sind verpflichtet, Diagnosen nach diesem System zu vergeben und abzurechnen.

  • ICD-10 ist die 10. Version dieses Klassifikationssystems, in Deutschland noch bis 2026 maßgeblich.
  • ICD-11 ist die neue, internationale Version, die weltweit eingeführt wird und viele Diagnosen (z. B. bei Autismus) differenzierter beschreibt.

Was bedeutet das praktisch?
Nur Diagnosen, die dort einen eigenen „Code“ (wie z. B. F84.x für Autismus oder F90.x für ADHS) besitzen, können offiziell gestellt und behandelt werden. Eine Mischdiagnose wie AUDHS gibt es darin bislang nicht.

Auch das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 hat zwar anerkannt, dass Autismus und ADHS zusammen auftreten können – aber eine eigene Doppel-Diagnose oder konkrete Leitlinien fehlen. Die Folge:
Viele Menschen werden jahrelang auf eine Einzeldiagnose behandelt und für die jeweils „überlagernden“ Symptome gibt es oft keine maßgeschneiderten Therapieangebote.

Erst langsam – und oft auf Initiative der Betroffenen selbst – wagen sich Ärzte, Coaches und Therapeuten an diese Schnittmenge heran.
Was heute AUDHS genannt wird, ist ein neues Forschungsfeld, das sich erst jetzt, getragen von Selbsthilfe, Alltagserfahrungen und engagierten Fachleuten, langsam offenbart.

Das Gefühl, nicht ins Schema zu passen, ist also weder Einbildung noch Unfähigkeit, sondern schlicht Folge eines blinden Flecks im Diagnosesystem. Die Realität vieler Menschen zeigt jedoch schon jetzt:
Diese Kombination ist gelebter Alltag. Sie verdient Sichtbarkeit, Ressourcen und neue Herangehensweisen.

Die emotionale Zwickmühle: Hochfunktional und oft am Limit

Wenn man nach außen „funktioniert“, glaubt das Umfeld meist, es sei alles in Ordnung.
Doch innen sieht es oft anders aus.
Ein Klient erzählte mir einmal von der Mischung aus Stolz und Verzweiflung, wenn wieder einmal alles gleichzeitig zu viel wurde:

„Ich kann in ein Meeting gehen, als wäre ich der Chef, alle beeindrucken, alles wissen – und abends habe ich dann keine Kraft mehr, einen Salat zu machen.“
Dieses Auseinanderklaffen von maximaler Leistung und maximalem Rückzug ist typisch für viele mit AUDHS.

Die Folge ist chronischer Stress, Depression, Burnout – und das Gefühl, nie irgendwo ganz „dazuzugehören“.
Viele Klienten beschreiben, dass ihre größte Sehnsucht ganz schlicht ist:
„Einmal irgendwo so sein dürfen, wie ich bin – ohne Erklärungsnot.
Ohne diesen ständigen inneren Spagat.“

Die unsichtbare Zwickmühle hat viele Gesichter.
Von außen lächelt der Mensch, der hochfunktional „funktioniert“.
Im Inneren tobt das Tauziehen.
Und genau hier entsteht der Wunsch nach echtem Gesehen-werden und einer Lösung, die auf lange Sicht hilft.

AUDHS Neurdivergent_ADHS und Autismus

Zwischen Dopaminschub und Reizflut: Was in Deinem Gehirn bei AUDHS wirklich passiert

Manchmal höre ich in der Praxis Sätze wie:
„Ich weiß, was ich schaffen will – aber irgendetwas im Kopf zieht immer die Notbremse oder springt plötzlich in das nächste Universum.“
Dieses Gefühl, mit einem doppelten Betriebssystem durchs Leben zu gehen, ist zu einem großen Teil neurochemische Realität.

Was läuft in deinem Gehirn ab, wenn Autismus und ADHS zusammentreffen? Warum fühlen sich viele Klienten energetisch „überverkabelt und unterzuckert“ zugleich? Ein Blick ins Innere lohnt sich – und schafft endlich Verständnis, warum bestimmte Dinge eben nicht einfach mit „Disziplin“ oder „positivem Denken“ zu lösen sind.

Zwei Schaltkreise, ein Kopf – und ein ständiger Ausnahmezustand

Betrachten wir zuerst die beiden „Hauptdarsteller“:

Autismus: Das Gehirn im Detailmodus

Im autistischen Spektrum arbeitet das Gehirn häufig mit einer ganz besonderen Signatur:

  • Die Reizverarbeitung läuft oft ungefiltert, fast wie ein Hochleistungsmikrofon. Jedes Geräusch, Licht, jede soziale Nuance kommt an, und zwar gleichzeitig. Klienten von mir können zum Beispiel nach einem 20-minütigen Telefongespräch nicht sofort in ein nächstes Gespräch gehen, sie brauchen erst einmal Zeit zum Verarbeiten.
  • Serotonin (Neurotransmitter und unser Stimmungs- und Zufriedenheitsbotenstoff ) und Glutamat (spielt eine Rolle bei Impulskontrolle) zeigen im Autismus teils andere Werte und Verteilungsmuster als bei neurotypischen Menschen. Das kann zum Beispiel bedeuten: Ein kleiner Streit oder eine unerwartete Veränderung kann bei einem autistischen Menschen viel stärkere Gefühle von Stress oder Überforderung auslösen als bei anderen – oder es gelingt schwerer, nach einer Aufregung wieder zur Ruhe zu kommen. Ebenso können schnelle Entscheidungen oder das Stoppen von inneren Impulsen im Alltag deutlich herausfordernder sein.
  • Die Synapsen (Verbindungen zwischen den Nervenzellen) verschalten sich oft anders, was zu erstaunlicher Detailwahrnehmung, aber manchmal erschwerter „Interpretation des Großen Ganzen“ führt.

Das Ergebnis:
Hochsensitivität, Ganz-oder-gar-nicht-Denken, Spezialinteressen und manchmal eine Reizüberflutung, die wie ein Sturm durchs System geht.

ADHS: Der Dopamin-Tango

Im ADHS-Gehirn schaltet häufig der Botenstoff Dopamin – bekannt als „Belohnungs- und Motivationshormon“ – auf Sparflamme:

  • Der Dopamintransport funktioniert anders, manchmal gelangt zu wenig in die entscheidenden Hirnareale (z. B. präfrontaler Cortex, der Bereich für Steuerung und Planung).
  • Noradrenalin, das bei Konzentration und Antrieb hilft, ist ebenfalls im Ungleichgewicht.
  • Der „Default Mode Network“ (Dein mentaler Leerlauf, in dem Tagträume entstehen) springt ständig an und aus.

Das Ergebnis:
Probleme, ins Tun zu kommen, bei Routineaufgaben blockiert zu werden – und gleichzeitig blitzähnliche Kreativität, wenn etwas emotional packt. Gleichzeitig erleben viele Menschen einen mentalen „Hyperfokus“ – wo plötzlich stundenlang die Welt ausgeblendet und nur noch das eigene Spezialinteresse zählt.

AUDHS – Wenn alles und nichts gleichzeitig passiert

Chaos trifft absolute Leere. Und nun die Besonderheit: Trifft beides zusammen, entsteht kein addiertes, sondern ein verstärktes System.

Typische Auffälligkeiten im Gehirn bei AUDHS:

  • Dopaminmangel und Serotonindysbalancen treffen auf eine „offene Reizschleuse“
  • Der Reizfilter ist labil: Mal wird jede Kleinigkeit zum Megaphon, mal geht plötzlich gar nichts mehr durch
  • Die soziale Signalverarbeitung (Stichwort „Theory of Mind“) ist wie auf zwei Frequenzen getaktet: analytisch und impulsiv
  • Botenstoffe wie GABA und Glutamat – sonst für Entspannung zuständig – sind aus dem Gleichgewicht, was zu erhöhter Stressanfälligkeit und Schlafproblemen führen kann

Was bedeutet das aber konkret?
Stell Dir vor: Eine alltägliche Situation, ein Einkauf im Supermarkt.
Jemand mit AUDHS nimmt durch die offene Reizschleuse jedes Detail gleichzeitig wahr – das Brummen des Kühlregals, die grellen Farben an der Kasse, das Stimmengewirr, den eigenen Einkaufszettel und das mühselige soziale Abscannen der anderen Menschen im Laden. Weil Dopamin und Serotonin ausbalanciert fehlen, fällt es schwer, sich nur auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren oder im Stress gelassen zu bleiben. Kommt dann noch eine unerwartete Situation dazu – etwa, wenn ein Produkt fehlt oder jemand im Weg steht – kann der Reizfilter plötzlich „dichtmachen“, die Gedanken reißen ab oder es kommt zum emotionalen Überlaufen.

Die Folge: extreme Anspannung, innere Erschöpfung, manchmal ein plötzlicher Shutdown oder das Gefühl, „wie auf zwei Sendern zugleich“ funktionieren zu müssen.

So entstehen häufig Kreisläufe, die viel Kraft kosten: Phasen größter Wachheit, Reizoffenheit und Kreativität können nahtlos in völlige Blockade, Rückzug oder Schlafprobleme umschlagen – und so wird das ganze System noch schwerer regulierbar.

Viele Betroffene beschreiben es so:
„Mein innerer Motor läuft heiß – aber oft fühlt es sich an, als wären die Bremsen sporadisch gelöst oder komplett blockiert.“

Viele fragen sich jetzt vielleicht: Kann man das alles überhaupt messen oder sehen? Wie fühlt sich dieses innere Hin-und-her in meinem Kopf auf „wissenschaftlich“ an?
Hier wird es spannend – denn die Antwort liegt buchstäblich in der elektrischen Aktivität Deines Gehirns…

Gehirnwellen im Dopamin-Tango – Was sieht man im EEG bei AUDHS?

Vielleicht stellst du dir die Frage: Wie „sehen“ Forscher und Therapeuten das Chaos und die Besonderheit eigentlich ganz konkret?
Antwort: Unter anderem über das Messen der Gehirnwellen – also elektrische Aktivitäten, die mit dem EEG (Elektroenzephalogramm) sichtbar gemacht werden.

Typisch bei ADHS

  • Vermehrte langsamere Theta- und Delta-Wellen im Wachzustand – das Gehirn „schläft“ gewissermaßen ein wenig, wenn eigentlich Fokus gefordert wäre.
  • Gleichzeitig weniger „Beta-Wellen“, die für Wachheit und zielgerichtetes Handeln stehen.

Typisch bei Autismus

  • Oft eine erhöhte „Beta-Aktivität“ (manchmal auch „High Beta“– Überwacher-Gehirn), die mit Übererregung, Grübeln oder Anspannung einhergehen kann.
  • Gleichzeitig ist die Synchronisation zwischen verschiedenen Hirnarealen oft anders – das kann sowohl zu Hochleistungs-Inselbegabung als auch zu Problemen mit Reizfilterung führen.

Bei AUDHS?
Hier zeigen sich im EEG häufig Mischbilder:

  • Teile des Gehirns zeigen Übererregungsmuster (High-Beta-Frequenzen), andere Areale laufen im Schlaffrequenz-Modus (exzessive Theta/Delta).
  • Manches wechselt im Sekundentakt: Plötzliche Überforderung, dann „Wegdriften“, dann wieder hochkonzentrierter Hyperfokus – auch im EEG kann man das manchmal erkennen.

Was heißt das im Alltag?
Genau diese Gehirnwellen-Mischung spiegelt das Erleben vieler Klienten:

  • Einerseits das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können
  • Andererseits Schwierigkeiten, gezielt hochzufahren oder „am Ball zu bleiben“, wenn Routine oder Reizflut vorherrschen
  • Schlafstörungen, Tagträumen und Blitzideen mischen sich – oft im selben Tag, manchmal sogar in derselben Stunde

Ein weiteres Beispiel aus meiner Praxis: Einer meiner Klienten berichtete, dass er tagsüber meist kaum etwas isst, weil jede größere Mahlzeit ihn so sehr herunterfährt, dass er für den Rest des Tages „nicht mehr hochkommt“ und praktisch zu nichts mehr in der Lage ist. Erst am Abend – wenn der Leistungsdruck vorbei ist und das System ohnehin erschöpft – isst er dann die erste richtige Mahlzeit. Auch das ist eine Strategie, um mit der labilen Regulation zwischen Überreizung, Shutdown und dem ständigen inneren Auf und Ab umzugehen.

Und die Verbindung zur Neurochemie?
Dopamin, Serotonin & Co. beeinflussen direkt, welche Gehirnwellen dominieren. Umgekehrt kann durch gezielte Entspannung, Meditation, Neurofeedback, Schlaf und Bewegung die Wellenverteilung und dadurch auch das neurochemische Gleichgewicht positiv unterstützt werden.

Das heißt:
Das Wissen um deine „Gehirnfrequenz-Muster“ macht klar, warum sich manches widersprüchlich anfühlt – und eröffnet neue Wege für individuelle, gezielte Unterstützung: von Therapie über Ernährung, Klang, Yoga bis zu Naturexperimenten mit Musik, Tönen oder Bewegungsformen.

Wissenschaft in Bildern: So lässt sich AUDHS neurobiologisch erklären

Neueste Studien (z. B. aus der Neuroimaging-Forschung) zeigen:
Bei Menschen mit AUDHS findet man spezifische Besonderheiten in der Aktivität und Verdrahtung bestimmter Gehirnbereiche – insbesondere bei

  • Netzwerken für Aufmerksamkeit und Selbststeuerung
  • Zentren für emotionale Regulation
  • Strukturen, die für Reizfilterung und Stressantwort zuständig sind

Das bedeutet:
Für viele Symptome gibt es reale, messbare Grundlagen. Die oft empfundene Ohnmacht („Warum kann ich einfach nicht…?“) ist kein persönliches Versagen – sondern Ausdruck einer einzigartigen neuronalen Komplexität.

Merke: Du bist nicht „schuld“, sondern besonders verschaltet.
Verhalten, das manchmal als „faul“, „inkonsequent“ oder „anstrengend“ gewertet wird, ist biochemisch erklärbar – und mit mehr Wissen auch gezielter begleitbar.

Was heißt das für Medikamente, Ernährung, Therapie?

Da die Neurochemie Voraussetzung für das individuelle Erleben ist, wirkt nicht jede Therapie oder jedes Medikament bei allen Betroffenen gleich:

  • ADHS-Medikamente (wie Methylphenidat, Amphetamine) helfen manchmal, halten aber bei manchen AUDHS-Betroffenen nur kurzfristig oder lösen sogar mehr Überreizung aus
  • Antidepressiva, Neuroleptika und Co. können helfen, müssen aber sehr individuell dosiert und kombiniert werden
  • Polyvagal-orientierte Strategien, Bewegung, Achtsamkeit, Ernährung (z. B. mit Blick auf Omega-3-Fettsäuren, Aminosäuren) beeinflussen die Neurochemie

Ein oft übersehener Faktor ist Ernährung, insbesondere der Konsum von Zucker und hochverarbeiteten Kohlenhydraten. Viele Menschen mit AUDHS berichten, dass schnelle Zuckerzufuhr zwar kurzfristig Energie, Fokus oder ein Gefühl von „Ruhe im Kopf“ verschafft – auf lange Sicht aber Instabilität fördert: Ein plötzlicher Blutzuckerabfall nach dem Zuckerhoch verstärkt das Auf und Ab, kann zu Heißhunger, Stimmungsschwankungen oder noch stärkerer Erschöpfung führen.

Dazu kommt: Chronisch hoher Zuckerkonsum, aber auch eine insgesamt unausgewogene Ernährung, fördern sogenannte niedrigschwellige Entzündungsprozesse (Inflammation) im Körper. Diese „latente“ Entzündung macht das Nervensystem noch reaktiver auf Stress und Reizüberflutung, fördert Schlafprobleme, macht emotionale Regulation schwieriger und kann im Zusammenspiel mit der labilen Neurochemie Symptome von AUDHS sogar verstärken.

  • Schlaf, (Social-)Detox und Reizmanagement sind ebenfalls entscheidend, weil ein überaktiviertes oder übermüdetes Gehirn noch empfindlicher reagiert.

Wichtig: Wer bei AUDHS an wirksame Therapie denkt, sollte Medikamente und Psychotherapie immer durch einen Blick auf Ernährung, Entzündungsfaktoren und Alltagspausen ergänzen – denn kleine, bewusste Umstellungen machen für manche Betroffene einen riesigen Unterschied.

  • Schlaf, (Social)Detox und Reizmanagement sind entscheidend, weil ein überaktiviertes oder übermüdetes Gehirn noch empfindlicher reagiert

Wissen ist (Selbst-)Mitgefühl

Wer versteht – ob als betroffene Person oder als Außenstehender –, dass ein Mensch mit einem neurodivergenten AUDHS-Gehirn einfach anders funktioniert und nicht mit mehr Anstrengung oder Disziplin „normal“ werden kann, kann auch gelassener mit diesen (und seinen eigenen) Eigenheiten umgehen. Wissen und Erkennen machen es leichter, eigene Grenzen zu sehen, individuelle Strategien im eigenen Alltag zu entwickeln – und den ständigen inneren (oder äußeren) Druck wegzunehmen, für etwas verantwortlich zu sein, das neurobiologisch erklärbar ist.

Dopamin_Sucht_Neurodivergent_AUDHS

Zwischen Hochspannung und Leere: Warum AUDHS ein Risiko für Sucht ist

Was erleben viele Betroffene mit AUDHS? Ich nutze dazu ein Beispiel:
Tom ist einer von denen, bei denen es nach außen immer läuft – Job, Termine, sogar Smalltalk. Aber sobald er nach Hause kommt, ist sein Kopf wie ein Radio auf voller Lautstärke: Gespräche vom Tag, zig To-dos, zwischendurch das Handy-Piepen oder die Erinnerung an irgendwas, das er vergessen hat. Alles rauscht durcheinander. Einfach abschalten? Fehlanzeige.

Was dabei oft übersehen wird: AUDHS bedeutet für viele nicht nur innere Unruhe, sondern auch eine fast permanente „Gefahrensuche“. Das Nervensystem bleibt im Alarmmodus – ständig wachsam, angespannt, auf der Hut, ob etwas passiert, ob ein Fehler droht, ob etwas Wichtiges fehlt. Dieses unbewusste Scannen, diese Daueranspannung, kostet enorm viel Energie. Der Körper ist auf Reiz, auf Flucht oder Angriff programmiert, manchmal ohne dass real eine äußere Gefahr existiert.

Tom sagt: „Es gibt Abende, da hoffe ich, dass ein Glas Wein den Lärm leiser macht. Oder ich greife zu Schokolade. Nicht weil’s so lecker ist, sondern damit mein Kopf endlich ein bisschen ruhiger wird.“
Manchmal sitzt er stundenlang am Handy und scrollt, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Essen, Trinken, sogar Netflix laufen dann irgendwie nebenher – Hauptsache, es ist irgendwas da, das das Chaos im Kopf für einen Moment ausbremst.

In solchen Momenten wird klar: Die Sucht nach Input, nach Reiz, nach Betäubung – das alles ist ein (oft verzweifelter) Versuch, das endlose innere Alarm-Signal für einen kurzen Augenblick zu unterbrechen. Statt echter Entspannung gibt es aber oft nur Leere, Erschöpfung oder einen Absturz in noch mehr Unruhe.

Was er beschreibt, ist kein Feierabend wie bei anderen. Es ist das ständige Ringen um Ruhe – eine Art Notbremse, damit der innere Stress, die ständige Unruhe und das Gefühl, vom eigenen Gedankensturm überrollt zu werden, wenigstens für ein paar Minuten nachlassen. Und am nächsten Tag? Geht der Kreislauf wieder von vorne los.

Genau das ist es, was viele Menschen mit AUDHS berichten: Die Suche nach einem Stop-Knopf fürs eigene Gehirn – und das Gefühl, dass der einfach nicht existiert.

Zahlreiche Studien zeigen, dass Menschen mit ADHS – und insbesondere mit der Kombination aus Autismus-Spektrum und ADHS (AUDHS) – ein deutlich erhöhtes Risiko für Substanzmissbrauch und Suchterkrankungen tragen (z.B. Luderer et al., 2021; Sizoo et al., 2010; Pohl et al., 2020).

Die Polyvagal-Perspektive: Sucht ist nicht die Ursache – sie ist eine (ungenügende) Lösung

Menschen mit AUDHS stehen neurochemisch und nervensystemisch oft auf der Kippe:

  • Das Belohnungssystem (Dopamin!) ist auf Hunger, Suche, „mehr, mehr“ eingestellt, der Alltag aber oft anstrengend, reizüberflutet oder monoton.
  • Der Körper sucht Entspannung, soziale Sicherheit – findet sie aber nicht im typischen Sinne, weil im System dauernder Alarm oder Rückzug herrscht (Polyvagal-Theorie: ständig im Sympathikus oder Dorsal-Vagus).
  • Masking und Anpassung verschärfen das Grundgefühl von Fremdsein und Erschöpfung.

Das Gehirn sucht etwas, das kurzfristig Ordnung, Kontrolle oder wenigstens Betäubung bringt – und landet allzu oft bei Ersatzstrategien. Essen, Alkohol, Shopping, Internet, Arbeit, Serien – all das sind Versuche, die innere Alarmglocke auf Pause zu stellen.
Sucht (egal ob stofflich oder nicht-stofflich) funktioniert, weil sie zumindest kurz das überwältigende Gefühl (Reizflut, Leere, Unruhe, soziale Unsicherheit) dämpft. Sie ist eine Strategie, keine Charakterschwäche.

Wichtig: Sucht entsteht aus der Sehnsucht, sich endlich sicher, verbunden oder wenigstens ruhig zu fühlen.

Typische Suchtmuster bei AUDHS

Gerade hochfunktionale, hochsensible Menschen mit AUDHS sind besonders anfällig für Suchtverhalten – und oft zugleich sehr geschickt im Verbergen dieser Strategien.

Viele der folgenden Muster können natürlich auch bei anderen Menschen vorkommen. Doch bei ADHS und vor allem bei AUDHS ist das Risiko wissenschaftlich deutlich erhöht:
Die besondere Neurobiologie – mit instabilem Dopaminhaushalt, erhöhter Stressanfälligkeit, chronischer innerer Unruhe oder dem Streben nach kurzfristigen Belohnungsmomenten – macht emotionale und substanzielle Süchte sehr viel wahrscheinlicher.

Betroffene suchen unbewusst nach Wegen, ihre extreme Reizoffenheit, das Gefühl von Leere oder das dauerhafte innere „Zu viel“ kurzfristig abzumildern. Die Folge: Das Gehirn lernt, sich über äußere Stimuli oder Substanzen scheinbar zu „regeln“.

Typische Muster, die sich dabei zeigen:

  • Arbeitssucht/Leistungssucht: Wer im Außen anerkannt wird, kann das innere Chaos für eine Weile übertönen.
  • Foodcraving, Essanfälle, emotionales Essen: Essen als schnelle Neurochemie-Regulation, wenn alles überreizt ist.
  • Alkohol/Nikotin/Drogen: Runterfahren, Nervensystem betäuben, endlich „Offline“ sein.
  • Digitale Süchte (Handy, Social Media, Onlineshopping): Schnelle Dopamin-Kicks, Streicheleinheiten für das ausgehungerte Belohnungssystem.
  • Perfektionismus: Ständiges Optimieren, damit im Inneren wenigstens kurz das Gefühl von Kontrolle herrscht.
  • Beziehungs- und Bindungssüchte: Suche nach Bestätigung und Halt – auch (und oft) in toxischen Mustern.

Viele dieser Süchte sind gesellschaftlich akzeptiert oder sogar belohnt. Sie tarnen sich als „normal funktionierende“ Coping-Strategien und bleiben unerkannt – selbst für Ärzte und Therapeuten!

Wichtig: Gerade die besondere Verschaltung im Gehirn bei (AU)DHS macht den Teufelskreis aus Anspannung, kurzfristiger Belohnung und erneuter Leere besonders hartnäckig. Daher braucht es bei AUDHS Suchtmechanismen nicht nur Therapie oder Stopp-Versuche, sondern ein tiefes Verständnis für die dahinterliegende neurologische Dynamik.

Neurobiologische und polyvagale Zusammenhänge

Durch die Kombination aus Dopaminmangel (Belohnungshunger), Serotoninimbalancen (Stabilitäts-Sehnsucht) und einem Alarmmodus im Nervensystem entstehen gleich mehrere „Sucht-Treiber“:

  • Ein Teil möchte sich betäuben (Dorsal-Vagus)
  • Ein Teil will mehr leben, fühlen, vibrieren (Dopamin und Noradrenalin)
  • Ein Teil versucht, dauernd auf Gefahren zu reagieren (Sympathikus-Hochspannung durch soziale Unsicherheit, Masking oder Über-Perfektionismus)

Das Resultat:
Ständige innere Unruhe – gefolgt von Selbstvorwürfen, Scham, sozialem Rückzug. Das Suchtmittel oder -verhalten gibt den schnellen Kick, aber nie Sicherheit oder echte Ruhe.

Suchtverhalten ist verzweifelte Selbstregulation

Es ist wichtig, das deutlich zu sagen:
Sucht bei AUDHS ist fast immer eine Form von Selbstregulation – ein Versuch, das eigene System auszubalancieren.
Wird das Suchtverhalten einfach „abtrainiert“, ohne bessere Wege der Regulation anzubieten, bleibt das Problem bestehen – oder verschiebt sich nur.

Deshalb helfe ich als traumasensible und polyvagale Therapeutin meinen Klienten, zuerst zu erkennen:

  • Was ist das echte Sehnsuchts-Gefühl dahinter?
  • Wo kann ich echte, tragfähige Beruhigung, Erdung, Verbindung erleben?
  • Welche kleinen Skills, Körperübungen, Atemtechniken, Alltagstricks helfen mir, in das „grüne“ Nervensystem zu kommen?

Wirkliche Entspannung, soziale Verbundenheit, Bewegung, Musik, hochwertige soziale Kontakte, Natur – all das sind Wege, nach und nach aus der Suchtspirale herauszukommen.
Wissen, Mitgefühl, langsam wachsendes Selbstvertrauen sind entscheidend. DU bist nicht allein auf dieser Suche.

Fazit: Sucht ist nie Schwäche, sondern Ausdruck eines klugen, aber kurzfristigen Selbstheilungsversuchs.
Mit dem richtigen Verständnis, gezielter Nervensystem-Arbeit und echter Annahme gibt es einen Weg heraus – und zwar so individuell wie dein Leben mit AUDHS selbst.

Neurodivergent

Superkräfte und Schattenseiten – ADHS meets hochfunktionalen Autismus

Jeder Superheld hat seine Herkunftsgeschichte.
Und so ist es auch mit AUDHS: Wer mit zwei Betriebssystemen unterwegs ist, steht oft zwischen Genie und Wahnsinn – und entdeckt auf der Lebensreise ganz eigene Kräfte und Abgründe.

Ein Klient sagte kürzlich zu mir:
„Manche nennen mich kreativ, visionär, total tiefgründig. Ich weiß nie, ob ich heute mein genialstes Werk vollbringe – oder mal wieder stundenlang vor der To-Do-Liste verharre und keinen Anfang finde. Beides gehört zu mir.“

Hyperfokus und Turbo-Kreativität – Das Geschenk der doppelten Andersartigkeit

Viele Menschen mit AUDHS berichten von Phasen geradezu magischer Produktivität, originaler Ideen und visionärer Klarheit.

  • Hyperfokus: Es gibt Momente, da verschmelzen sie mit ihrer Aufgabe, vergessen Zeit, Hunger, Schlaf und werden zu Spezialisten in ihrem Interessengebiet.
  • Out-of-the-Box-Denken: Da, wo andere den Standardweg gehen, denkt das Gehirn in neuen Bahnen, findet unerwartete Lösungen, verbindet Themen wie von selbst.
  • Detail-Genie und Mustererkennung: Die Fähigkeit, in komplizierten Systemen das entscheidende Detail oder Muster zu erkennen, wo andere längst aufgegeben haben.

Diese Phasen werden im Beruf, in der Kunst, bei Forschung oder in sozialen Projekten oft bewundert.

Was auch auffällt:
Empathie und analytische Distanz können bei AUDHS gleichzeitig stark ausgeprägt sein – mitfühlen ist ANDERS, tiefgründig, manchmal sprunghaft, aber intensiver als bei anderen.

Die Schattenseiten – Wenn alle Kräfte gleichzeitig ziehen

Doch ausgerechnet diese Gaben können zur Falle werden, wenn die Balance fehlt:

  • Sprunghaftigkeit: Ist der Hyperfokus vorbei (oder ein Reiz zu groß), kollabiert das System. Erschöpfung, emotionale Taubheit oder Aufschieberitis (Prokrastination) folgen.
  • Reizoffenheit/Überlastung: Die ständige Flut aus Informationen, Eindrücken, sozialen Codes kann das Nervensystem zum Überlaufen bringen. Das Resultat? Rückzug, Shutdown oder gereizte Impulsivität.
  • Perfektionismus als Selbstschutz: Viele entwickeln einen überhohen Anspruch an sich selbst – aus Angst, Fehler zu machen oder als „chaotisch“ aufzufallen. Doch niemand kann ihn dauerhaft halten.
  • Soziale Unsicherheit: Gerade, wenn beide Pole gleichzeitig wirken, ist es schwer, sich im Zwischenraum sozial sicher zu fühlen. Masking wird zur Überlebensstrategie – mit dem Preis der Erschöpfung.

Das ständige Pendeln – Rakete und Tiefseetaucher

Das Leben mit AUDHS fühlt sich oft an wie ein ständiges Pendeln:
Eben noch im Ideenrausch, dann plötzlich gehemmt oder wie in Watte gepackt.
Im einen Moment blitzschnell, im nächsten Moment entschleunigt bis fast zum Stillstand.

Viele Klienten erleben auch sogenannte „Mixed States“:
Geniale Blitzmomente und kreative Explosivität wechseln mit Orientierungslosigkeit, Antriebsschwäche, plötzlichem sozialen Rückzug.
Nicht selten schlägt die Freude über das eigene Können rasch in Zweifel um, wenn das System wieder „blockiert“.

Warum Akzeptanz und Selbstfürsorge alles verändern können

Der Schlüssel liegt nicht darin, sich für „falsch“, „verrückt“ oder „zu extrem“ zu halten.
Sondern anzuerkennen, dass die innere Logik des eigenen Systems einzigartig – und eben kein Fehler in der Matrix ist.
Mit Selbstmitgefühl, Wissen und dem Mut, freundliche Grenzen nach außen UND innen zu setzen, entsteht neue Souveränität.

  • Superkräfte fördern: Baue Slalomstrecken für deinen Hyperfokus – begrenze das Reizangebot, feiere Erfolge, suche offene Menschen, die deine Sprünge aushalten.
  • Schattenseiten umarmen: Erlaube dir Pausen, Rückzug, einen „Notfallplan Reizüberflutung“. Weniger Social Masking, mehr Ehrlichkeit (auch im Job).
  • Netzwerk: Suche Verbündete – auch online – die den Spagat zwischen Rakete und Tiefseetaucher verstehen.

Fazit: Genie, Chaos, Tiefe – daran wachsen alle

Das Leben mit AUDHS verlangt viel.
Doch aus der doppelten Andersartigkeit entstehen neue Perspektiven, echte Kreativität – und das Potenzial, als Brückenbauer zwischen Welten zu wirken.
Wer lernt, beide Pole nicht zu bekämpfen, sondern zu nutzen, lebt ein Leben voller Farben – manchmal anstrengend, aber einzigartig und, mit der richtigen Begleitung, von unvergleichlicher Qualität.

Im nächsten Kapitel geht es darum, wie du mit den eigenen Ressourcen, Nervensystemskills und einer Prise (Selbst-)Humor im Alltag wieder mehr Leichtigkeit und Freude findest.

Neurodiversität – Die Vielfalt des menschlichen Gehirns und wo AUDHS dazugehört

Für viele meiner Klienten ist es ein Schlüsselmoment, wenn sie auf das Konzept „Neurodiversität“ stoßen: Plötzlich geht es nicht mehr um „Störung“, „Defizit“ oder „Problem“ – sondern um die bunte Bandbreite menschlicher Hirnfunktionen.

Neurodiversität bedeutet:
Nicht alle Menschen denken, fühlen, filtern und verarbeiten Reize gleich – und das ist kein Fehler, sondern schlichte Realität. So wie es verschiedene Hautfarben oder Körpergrößen gibt, gibt es auch verschiedene „Betriebssysteme“ in unseren Köpfen.

Was heißt das für AUDHS?
Du bist nicht „zwischen den Stühlen“ – sondern Teil einer großen, wachsenden und wertvollen Community von Menschen, deren Gehirne anders arbeiten als die „neurotypische“ Norm.

Neurodivergenz – ein Überblick

Hier eine grobe Einordnung einiger der häufigsten neurodivergenten Profile. Die Tabelle bietet nur einen Ausschnitt – die Vielfalt neurodiverser Gehirne ist noch viel größer! Es gibt zum Beispiel auch Menschen mit Legasthenie, Dyspraxie, Dyskalkulie, Synästhesie oder Tourette – und viele Betroffene vereinen mehrere dieser Besonderheiten in sich.

Neurotyp Typische Merkmale Häufige Stärken Typischer Alltagshack / Herausforderung
Neurotypisch Durchschnittliche Reizverarbeitung, „Standardverhalten“ Flexibilität, angepasst an Gesellschaft Nicht auffällig – „Norm“
ADHS Impulsivität, Unaufmerksamkeit, Hyperfokus Kreativität, Spontaneität, Ideenreichtum Struktur & Dopamin-Jagd, Prokrastination
Autistisch Reizsensitivität, Bedürfnis nach Routinen, spezielle Interessen Detailgenauigkeit, Analyse, Loyalität Reizmanagement, soziale Codes
AUDHS Kombi aus beiden: Chaos & Struktur, Reizflut & Leere Blitzideen, Systemdenken, Querdenken Wechselbad der Zustände, Selbstfürsorge
Hochsensitiv Verstärkte Wahrnehmung aller Reize Feinfühligkeit, Intuition, Empathie Reizfilter, emotionale Abgrenzung
Dyslexie etc. Andere Wahrnehmungs-/Verarbeitungswege (z.B. Lesen, Sprache) Räumliches Denken, Kreativität Lernwege anpassen, Eigenstrategien entwickeln

Wichtig:
Die Grenzen sind fließend, viele Menschen haben Anteile aus unterschiedlichen Kategorien – und die Wissenschaft entdeckt immer neue neurodivergente Facetten. In dieser Tabelle geht es um eine Orientierung, nicht um ein starres Schubladensystem. Jeder Mensch ist einzigartig, und keine Form der Neurodiversität ist „besser“ oder „schlechter“ als die andere.

AUDHS_Kreativität und Ordnung

Neurodiversität – Von Defizit-Denken zu Vielfalt feiern

Nicht DU bist „falsch“ – die Gesellschaft ist (noch) nicht vielseitig genug, um alle Denkweisen zu integrieren. 

C. Rudolph, Polyvagale Therapeutin und EMDR-Traumatherapeutin

Darum braucht es nicht nur medizinische Diagnosen, sondern auch Mut, echte Inklusion, Austausch und gelebte Vielfalt.

Was hilft:

  • Communities und Netzwerke mit anderen Neurodivergenten (z.B. über Social Media, Foren, Selbsthilfegruppen)
  • Wertschätzung für die eigenen Special Skills
  • Austausch über Hacks, Tools, gemeinsame Herausforderungen

Weil:
Neurodiversität ist das Gegenteil von „Störung“: Es steht für ein großes Miteinander verschiedener Gehirne – und jede Perspektive wird gebraucht!

SOS – Notfallhilfe für AUDHS: Wenn alles zu viel wird

Wenn im Kopf alle Lichter flackern, das System überhitzt, Reize alle Grenzen sprengen oder der Antrieb einfach kollabiert – dann hilft auch kein „Jetzt entspann dich mal“.

Deshalb habe ich aus vielen Jahren Praxis mit meinen Klienten diese SOS-Anleitung für AUDHS zusammengestellt: klar, kurz, machbar – selbst mitten im Ausnahmezustand.

Schritt 1: STOPP – Hände kurz an einen festen Gegenstand

Leg beide Hände auf einen Tisch, auf die Lehne eines Stuhls oder einfach auf deine Oberschenkel.
Spür das Material. Ruhe da kurz 10 bis 30 Sekunden.
Ziel: Den Körper wieder in die „Hier-und-jetzt“-Welt zurückholen.

Schritt 2: ATEM – Drei bewusste, tiefe Ausatmer

  • Tief ein, dann ganz langsam, länger und hörbar ausatmen (gerne mit Geräusch wie „fffff“ oder „brumm“).
  • Optional: Beim Ausatmen leicht summen (Vagusnerv!)
    Ziel: Den sympathischen „Flucht/Alarmmodus“ abstellen.

Schritt 3: BILD ODER FAKTOR RUNTERFAHREN

Direkt einen Reiz wegnehmen!

  • Licht aus oder abdunkeln
  • Kopfhörer oder Ohren zuhalten
  • Handy ganz kurz weglegen oder Flugmodus einschalten
  • Keine Ansprache zulassen: Hände als „Bitte nicht stören“-Geste vor sich halten

Schritt 4: NOTFALL-ERDUNG „5-5-5“

  • 5 Dinge sehen (benennen: z.B. Tisch, Wand, Tasse…)
  • 5 Dinge hören (Geräusche draußen, Geräusch im Raum…)
  • 5 Berührungen spüren (Kleidung, Sitzfläche, Hände…)

Wenn 5 zu viel ist: 3 reicht!
Ziel: Im Körper und in der Umgebung landen.

Schritt 5: KURZE SELBST-ERLAUBNIS

Sag dir, gerne auch innerlich:
„Ich darf jetzt einfach nur hier sein. Ich MUSS nichts tun. Alles andere wartet. Ich komme erstmal runter.“

Schritt 6: KÖRPER SPÜREN (nach 2 bis 15 Minuten – je nach Bedarf)

  • Wasser trinken
  • Wenn möglich, kurz frische Luft schnappen
  • Kleinen, ruhigen Bewegungsimpuls setzen (Finger bewegen, Schultern rollen, einmal gähnen)

WICHTIG:

  • In Extremsituationen: Keinen Input mehr (kein Handy, keine Musik, kein Gespräch)
  • Lass Gefühle da sein! Du bist nicht falsch, du bist überlastet – das ist okay.
  • Falls möglich, häng einen Zettel auf: „Kurz im Notfallmodus – alles okay, in 10 Minuten wieder da!“

Download-Tipp für die Hosentasche:
Kopiere diese Anleitung in deine Notizen, drucke sie aus oder klebe sie irgendwo hin, wo du oft hinsiehst.

Extra-Tipp für Angehörige, Partner, Kollegen:

  • Kein Nachfragen, kein Berühren, einfach Raum geben.
  • Biete Wasser oder Rückzugsort, aber keine langen Gespräche.

Nach dem Akutfall: Gib Dir (und Deinem System) wirklich Zeit! Der Reset braucht manchmal Minuten, manchmal eine Stunde. Danach kannst Du – wenn Du willst – überlegen, ob eine kleine Routine oder ein Mini-Check-In mit einer vertrauten Person Dir wieder Sicherheit gibt.

Wenn Dich das Thema betrifft und Du alltagstaugliche Möglichkeiten suchst, mehr Ruhe und Balance in Dein Leben zu bringen: Melde Dich gerne für eine persönliche Session – ich begleite Dich auf Deinem persönlichen Weg.

Herzlich willkommen.

Christine Rudolph Coaching Mallorca
Christine Rudolph

Systemische Therapeutin & Coach, Heilpraktikerin für Psychotherapie – mit Schwerpunkt auf Traumatherapie, Polyvagal- und Nervensystemarbeit sowie EMDR.

Rebellin. Weltenbummlerin. Halbe Ungarin. Yogini. Designliebhaberin. Blauverliebt.

Im Herzen wild, in der Seele frei. Ich bin Christine.

Schön, dass Du hier bist.

The Time is NOW.