Unter der Oberfläche: Zwischen Genuss, Gruppenzwang und Verdrängung
Alkohol ist mein Sanitäter in der Not…
Herbert Grönemeyer
Kaum ein Text bringt auf den Punkt, was für viele Menschen in Deutschland und anderen Gesellschaften längst selbstverständlich ist: Alkohol als Trost, Belohnung, Stressventil – und das alles im Rahmen völliger gesellschaftlicher Akzeptanz. Ob Geburtstagsrunde, Grillfest, Familienfeier, After-Work-Treff, Kennenlern-Date oder das eine Glas „nach einem langen Tag“: Kaum jemand wundert sich, wenn überall mit Sekt, Bier oder Wein angestoßen wird.
Wer auf einer Party lieber Wasser trinkt, wird beäugt, manchmal belächelt, oft gefragt: „Bist du schwanger? Nimmst du Antibiotika? Bist du krank?“ Die Werbung tut ihr Übriges: Leichtigkeit, Lebensfreude – das „Bacardi Feeling“ als Imageslogan ist längst zur gesellschaftlichen Grundmelodie geworden.
Doch was heißt es, wenn Alkoholtrinken so tief verankert ist und als normal gilt – und wer legt diese „Norm“ eigentlich fest? Was macht die Allgegenwärtigkeit des Alkohols mit unserem Körper, unserem Nervensystem, unseren Beziehungen und mit unserer Fähigkeit, mit echten Gefühlen umzugehen?
Die Normalität des Trinkens verstellt oft den Blick für das, was da tatsächlich passiert: Wann ist Alkohol noch Ritual, wann ein Fluchtweg, wann längst unsichtbarer Teil einer Suchtspirale? Die Linie ist fließend, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit ebenso wie der soziale Druck. Zwischen Feierabendbier, Familienritual und „Absacker“ verschwimmen die Grenzen – und viele bemerken erst spät, wie eng das eigene Leben vom Alkoholrahmen gesteuert wird.
Wie ist Alkohol zur Selbstverständlichkeit geworden? Was bedeutet das für die Gesellschaft und das Individuum? Und wie verändern sich Körper, Gefühl und Beziehungen, wenn wir uns immer wieder auf das scheinbar Normale einlassen?
Alkohol und Gesellschaft: Wie das Gift schleichend zur Lebensart wird
Alkohol gilt seit Jahrhunderten als „sozialer Schmierstoff“ in Europa, wie auch in vielen Teilen der Welt. In Deutschland ist Bier Kulturerbe, in Frankreich Wein Teil der Nationalidentität, und weltweit wissen Menschen schon lange: Das Glas in der Hand öffnet Türen, lockert die Zunge, verbindet Fremde zu Freunden. Was heute wie alte Sitte wirkt, hatte seinen Ursprung jedoch nicht im Feiern – sondern in der Not.
Im Mittelalter war Alkohol, vor allem Bier und auch verdünnter Wein, tatsächlich oft die einzige wirklich sichere Alternative zu schmutzigem Wasser. In den meisten Dörfern hielt Wasser selten hygienischen Standards stand. Während Bier einen Alkoholgehalt hatte, der Keime tötete, hatte Wein durch Zucker, Alkohol und die lange Lagerung ebenfalls konservierende Wirkung. Sogar Kinder tranken „Dünnbier“.
Medizinische Bücher und ärztliche Schriften jener Zeit (z. B. Hildegard von Bingen, Paracelsus) beschrieben Alkohol als Stärkungsmittel, als Lösung für Wundreinigung, Fiebersenkung und zur Behandlung von „Wehmut“ (heute würden wir oft Depression sagen).
Doch wie wurde aus dem Heiltrank ein Symbol für Miteinander und Nähe? Zwei kulturelle Prozesse sind entscheidend:
1. Alkohol als Gemeinschaftsritual und Zeichen von Vertrauen
Schon früh verband kollektives Trinken Menschen. Gemeinsam zu trinken bedeutete, sich gegenseitig zu vertrauen. Das berühmte Anstoßen – entstanden laut Historikern, weil so der Inhalt der Becher vermischt wurde und gezeigt werden konnte, dass man nicht vergiften wollte – wurde zum Symbol von „Du gehörst dazu“. Und Dazugehören ist auch neurobiologisch essenziell und bedeutet Schutz.
In allen Kulturen waren und sind Feste und Zeremonien ohne alkoholisches Gruppentrinken fast undenkbar. In Klöstern wurde Bier als sättigendes „Fastentrunk“ legalisiert, Zünfte und Bruderschaften etablierten eigene Trinkrituale.
2. Institutionalisierung durch Festkultur und Religion
Viele traditionelle Feste sind ohne Alkohol kaum vorstellbar: Das Oktoberfest, Fastnacht, Karneval, Erntedankfeste – der „gemeinsame Rausch“ markierte vorübergehende Grenzauflösung zwischen den sozialen Schichten.
Im Christentum symbolisiert Wein seit jeher Jesu Blut – gemeinsames Trinken am Altar bedeutet geistige und menschliche Gemeinschaft („Kelch der Verbundenheit“).
Der Blick nach Russland: Dort gilt gemeinsamer Wodka als Versprechen der Solidarität („Auf das Leben!“), in Frankreich wäre ein Essen ohne Wein – fast schon respektlos.
Über die Jahrhunderte wurde so aus medizinischem Nutzen kollektive, kulturelle Bindung.
Mit der Aufklärung und den ersten öffentlichen Wirtshäusern, aber besonders im 19. Jahrhundert, als industrielle Arbeitsbedingungen soziale Begegnung aufs Feierabendbier verlagerten, wurde Trinken in Gruppen und Familien selbstverständlich. Alkohol war auf einmal nicht mehr Bedrohung, sondern Service, Genuss, Teil von Lebensfreude („Bacardi Feeling“).
Heute:
Viele Jugendliche begegnen Alkohol durch das erste Bier gemeinsam auf dem Pausenhof, bei Familienfesten oder dem „erlaubten Sekt“ zu Silvester. Wer heute in Arbeitswelt, Familie oder sogar im Kindergarten (Sommerfeste) keinen Alkohol trinkt, wird immer wieder gefragt: „Warum eigentlich nicht?“ Alkoholverzicht markiert in vielen Milieus nicht Aufgeklärtheit, sondern Rückzug aus der Gemeinschaft.
Und was bedeutet das aus neuropsychologischer Sicht?
Schon kleine Mengen Alkohol beeinflussen das Gehirn – vor allem die Hemmungszentren, aber auch die Amygdala, unser emotionales Alarmsystem. Alkohol senkt Stress, hemmt Ängste, verschiebt die Selbstwahrnehmung. Neurowissenschaftliche Studien zeigen: In geselliger Runde signalisiert Alkohol dem Nervensystem, dass Nähe und Zugehörigkeit gestattet, ja sogar gewünscht ist. Gleichzeitig verschiebt Alkohol unsere Filter, so dass kritische Impulse, eigene Unsicherheiten oder feine innere Spannungen weniger bewusst wahrgenommen werden.
Die Reize für das soziale Belohnungssystem (Oxytocin, Dopamin) verbinden: Man lacht, teilt, öffnet sich – aber lernt auch, dass emotionale Regulation, Gruppengefühl und Lockerheit mit „Trinken“ verknüpft sind.
Das Unsichtbare:
Von außen sieht es nach Zugehörigkeit, Entspannung und Genuss aus – innerlich lernt unser System auf neurobiologischer Ebene: Alkohol = Teilhabe, Sicherheit, „Erlaubnis, loszulassen“. Was harmlos wirkt, ist längst Teil unbewusster Gewohnheiten geworden, die niemand mehr hinterfragt.
Alkohol als Suchtmittel – und warum niemand das wahrhaben will
Alkohol besitzt die einzigartige gesellschaftliche Sonderstellung, dass er trotz nachgewiesener Suchtgefahr, gesundheitlicher Risiken und massiver sozialer Schäden weiterhin als „normales“ Genussmittel gilt. Im Unterschied zu anderen Substanzen wird Alkohol selten als das bezeichnet, was er ist: ein Nervengift mit hohem Abhängigkeitspotenzial.
Definition Sucht – Warum Alkohol ein Sonderfall ist
Sucht bedeutet medizinisch: der zwanghafte Drang, eine Substanz immer wieder zu konsumieren, auch wenn bereits körperlicher, seelischer oder sozialer Schaden entsteht. Während bei illegalen Drogen früh Alarm ausgelöst wird, bleibt bei Alkohol die Grenze zur Sucht oft unsichtbar – vor allem, weil das Trinken sozial akzeptiert und von Politik und Wirtschaft aktiv verharmlost wird. „Risikoarmer Konsum“ ist ein Begriff, der mehr vernebelt als erklärt. Tatsächlich ist jeder Alkoholkonsum mit einem Gesundheitsrisiko verbunden, die Unterscheidung zwischen „Genuss“ und „schädlich“ ist hochgradig willkürlich.
Laut aktuellen Veröffentlichungen der WHO und der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zählt Alkohol europaweit nach wie vor zu den größten vermeidbaren Krankheits- und Todesursachen. Nach aktuellen wissenschaftlichen Konsensschätzungen sterben allein in Deutschland jährlich rund 44.000 Menschen an den Folgen von Alkohol.
Polyvagal-Perspektive: Wie Alkohol das Nervensystem beeinflusst
Alkohol wirkt im Gehirn auf das sogenannte Belohnungssystem (Dopamin) und das Stresssystem (GABA, Glutamat, Stresshormone). Im Sinne der Polyvagaltheorie bedeutet das: Alkohol verschiebt das Nervensystem vom angespannten, (über-)wachsamen Zustand (Sympathikus, Alarm) kurzfristig in eine parasympathische Dämpfung („Runterfahren“), löst das soziale „Erschlaffen“ und kreiert subjektive Sicherheit.
Deshalb wird Alkohol zur schnellen Selbstregulations-Strategie: Hemmungen verschwinden, Sorgen werden sediert, emotionale Überforderung gemildert. Genau das ist neurobiologisch der Grund, warum Alkohol zum Mittel der Wahl für viele wird – vor allem, wenn andere Wege zur Selbstberuhigung nie gelernt wurden.
Nach außen wirkt Trinken wie soziale Lockerheit, innerlich folgt aber oft Überforderung, Überreizung oder alte Unruhe – und deshalb wird noch ein Glas nachgegossen. Für viele Menschen mit versteckten Traumata, Stressmustern oder innerer Anspannung ist Alkohol ein scheinbar funktionierendes Werkzeug, um überhaupt im Alltag funktionieren (oder am Abend) abschalten zu können.
Praxisbeispiel:
Ein Mann, Mitte 40, erfolgreicher Projektleiter:
„Ich dachte immer, ich habe meinen Alkoholkonsum im Griff – ein Glas nach Feierabend, Sekt bei Events, Wein am Wochenende mit Freunden. Erst als die Schlaflosigkeit chronisch wurde und ich immer gereizter war, merkte ich: Ohne das Glas geht gar keine echte Entspannung mehr. In stressigen Phasen brauchte ich fast automatisch Nachschub. Heute sehe ich: Ich habe nicht für den Geschmack, sondern gegen die innere Spannung getrunken.“
Die Unsichtbarkeit des Alkoholmissbrauchs
Ein großes Problem: Alkoholabhängigkeit beginnt selten mit dem ersten Rausch. Sie entwickelt sich schleichend im Rahmen des „Normalen“: das Glas am Abend, das Feierabendbier, die Flasche Wein mit Freunden, der Sekt zum Brunch. (Hoch) Funktionierende Menschen – Manager, Eltern, Studenten, Handwerker – trinken oft jahrelang so, dass niemand einen „Suchtfall“ ahnt. Gerade weil das Umfeld mitmacht und Alkoholkonsum ein soziales Ritual ist, erkennt es selbst pathologische Muster nicht als Problem.
In Beratungspraxis und Therapie berichten viele: „Ich wusste lange nicht, dass ich überhaupt ein Problem habe – alle um mich herum machen es doch genauso.“
Alkoholnutzung: Elite, Eltern, Working-Class
Ein Kind, das aufwächst, erlebt: Alkohol gehört dazu. In der sogenannten Elite (Business, Politik, Medizin) wie unter Handwerkern – überall werden Alkoholrituale gepflegt, teils subtil, teils ganz offen. Wer nicht (mehr) trinkt, muss das begründen.
Das Resultat: Sucht wird kaschiert, die falsche Normalität bleibt unangetastet – und viele merken erst, wie sehr sie in der Spirale stecken, wenn der Körper, der Alltag oder die Beziehung auseinanderbrechen.
So wird deutlich: Alkohol ist längst nicht nur „Genuss“ oder „Kultur“, sondern das am meisten verharmloste Suchtmittel unserer Gesellschaft – weil es perfekt kurzfristig Erleichterung verschafft, langfristig aber Körper und Seele in Abhängigkeit und Regulationverlust treibt.

Geselligkeitstrinken – wirklich freiwillig?
„Ich trinke ja nur in Gesellschaft, weil’s so nett ist…“
Doch oft ist dieses Ritual weniger Ausdruck von Genuss als von Anpassung: Wer dazugehören will, trinkt mit – egal ob im Job, auf Feiern oder im Freundeskreis. Für die wenigsten ist das eine komplett freie Entscheidung. Häufig verbirgt sich dahinter das Bedürfnis nach Sicherheit, Anschluss, Entspannung – und manchmal, ohne dass es ihnen bewusst ist, das Überdecken alter Unsicherheiten und oftmals alten Wunden. Geselligkeit wird dadurch oft zu einer stillen sozialen Erwartung – und nicht immer zu einer echten Wahl.
Zwischen Genuss und Abhängigkeit: Die glatte Lüge vom „gesunden Maß“
Alkohol lebt gesellschaftlich von Mythen – und wohl einer der langlebigsten ist die Idee vom „gesunden Maß“. Ganz gleich, ob Weinverkoster, After-Work-Runde, Frauenzeitschrift oder Gesundheitsratgeber: Es wird suggeriert, dass das „kleine Glas“ nicht nur erlaubt, sondern sogar gesund sein soll. Doch unabhängig von individuellen Genusskonzepten lässt sich aus medizinischer Sicht kaum ein Schwellenwert benennen, unterhalb dessen Alkohol sicher oder gar förderlich wäre.
Gerade Begriffe wie „Genuss“ oder „Maßhalten“ werden gesellschaftlich romantisiert – und verschleiern oft, wie fließend der Übergang zu regelmäßigem, problematischen Konsum und schließlich zu Abhängigkeit ist. In der Werbung, in Gesprächen oder in Literatur wird Alkohol mit Leichtigkeit, Charme und Erfolg assoziiert. Sprüche wie „Absacker“, „Einen aufmachen“, „das gönn’ ich mir“ oder „ich trinke ja nur am Wochenende“ sind Teil der Sprachkultur, dienen aber häufig dazu, den tatsächlichen Konsum zu bagatellisieren.
„Das gönn ich mir“ – von der Belohnung zur Ausrede
Kaum ein Satz taucht so oft im Zusammenhang mit Alkohol auf wie: „Das gönn ich mir“ – oder „Das hab ich mir verdient.“ Was ursprünglich nach liebevoller Selbstfürsorge klingt, ist bei näherem Hinsehen oft nicht mehr als eine elegante Ausrede für unreflektierten Konsum.
Die Belohnung nach einem stressigen Tag, das Glas Sekt als „Mutmacher“ vor einem Date, der Drink als Beginn eines Abends – für viele (und erschreckend früh auch für Jugendliche) dient Alkohol als scheinbar harmlose Selbstbelohnung.
Doch dieses „Gönnen“ ist meist nichts anderes als ein gesellschaftlich akzeptiertes Verdrängen oder ein Versuch, sich für Überlastung, Frust, Überforderung zu entschädigen, ohne wirklich auf die eigentlichen Bedürfnisse zu schauen. Je häufiger wir uns diese Ausrede gönnen, desto weniger merken wir, wie schnell sie zu einer automatisierten Routine und damit zu einer der größten Fallen im Umgang mit Druck und Gefühlen wird.
Kritische Wissenschaft
Studien zeigen: Schon kleine, regelmäßige Mengen erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und psychische Probleme (siehe BZgA Fakten). Das angeblich „gesunde Glas Rotwein“ ist ein Werbemärchen – für bestimmte Erkrankungen steigt das Risiko schon bei sehr geringem Konsum. Dennoch hält sich der Mythos hartnäckig, weil Gesellschaft, Werbung und politische Lobbyisten ein Interesse an Uneindeutigkeit haben.
Alkoholkultur, Scham, Krankheit – und das kollektive Schweigen
In der deutschen (und westlichen) Alltagskultur ist Scham rund ums Thema Alkohol enorm stark: Wer sich eingesteht, nicht „maßhalten“ zu können, muss mit Schuldgefühlen, Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung rechnen. Das macht es für viele umso schwerer, ehrlich über Belastungen, Krankheit oder den eigenen Kontrollverlust zu sprechen – und fördert das Schweigen im System: Jeder weiß, dass Alkohol nicht harmlos ist, aber niemand will die gesellschaftliche Illusion aufgeben.
Warum viele (unbewusst) mitmachen
Die Mischung aus Ritual, Gruppendruck, erlernten Sprachbildern und Verdrängung sorgt dafür, dass selbst Hochgebildete, Gesundheitsbewusste und sozial Engagierte kaum eine Distanz zum Alkohol aufbauen. Es ist normal, mitzumachen, denn keiner will der „Spaßverderber“ sein. Und wenn es schiefläuft? Dann reden alle von „Einzelfall“ oder „schlechtem Umgang“ – nie davon, dass das „gesunde Maß“ oft nichts anderes ist als eine gesellschaftlich gestützte Lebenslüge.
Alkohol und Gefühle – Betäuben statt Fühlen
Weshalb greifen so viele Menschen zu Alkohol, selbst – oder gerade – wenn sie „eigentlich gut funktionieren“?
Für viele ist Alkohol mehr als Genuss oder Ritual: Er wird zur schnellen Notlösung, um Gefühle abzudämpfen, soziale Unsicherheiten zu kaschieren oder unangenehme innere Zustände loszuwerden. Ein Glas schafft Abstand zur eigenen Angst, zum Stress, zur Scham – oder gibt künstlich Nähe, wo echte Verbindung fehlt.
Alkohol ist in westlichen Gesellschaften kollektives Narkotikum. Wo Reden schwerfällt, Gefühle zu groß oder zu schwer werden, hilft das Glas, Kontrolle zu gewinnen – oder überhaupt wieder etwas zu spüren. Das Nervensystem schaltet von Übererregung (Sympathikus-Alarm) kurzfristig in eine beruhigte, dumpfere Stimmung: Das emotionale „Grundrauschen“ wird leiser, scheinbar ist für einen Moment wieder alles im Griff.
Polyvagal betrachtet: Alkohol wirkt wie eine externe Regulation – er verschiebt den Zustand Richtung „Runterfahren“, manchmal sogar bis ins Dämpfen unangenehmer Empfindungen und Erinnerungen.
Trauma – Die unsichtbare Wurzel vieler Alkoholmuster
Kaum jemand spricht darüber, aber für sehr viele Menschen – besonders, wenn Alkohol zur Belastung wird – liegt ein altes, oft unbewusstes Trauma zugrunde.
Ob Bindungsverlust in der Kindheit, emotionale Vernachlässigung, Gewalt, frühe Verlusterfahrungen oder „nur“ die ständige Unsicherheit: Das Nervensystem lernt, dass bestimmte Gefühle oder Zustände bedrohlich sind und sucht nach Wegen, sie zu umgehen.
Alkohol dient dann als das schnellste und gesellschaftlich akzeptierteste Mittel, um innere Spannungen, Flashbacks, Leere, Unruhe oder emotionale Überwältigung „wegzutun“. Viele trinken, um nicht fühlen zu müssen, was ihnen früher oder aktuell zu viel war: Angst, Wut, tiefe Traurigkeit, Scham oder das Gefühl, nicht richtig zu sein.
In meiner Praxis wie auch in Forschung und Suchttherapie zeigt sich: Nicht jeder mit Alkoholproblem ist schwer traumatisiert – aber diejenigen, die früh (emotional oder körperlich) unsicher waren, sind besonders gefährdet, Alkohol nicht mehr zum Genuss, sondern als Werkzeug zum Überleben zu benutzen.
Wie unsichtbar diese Wurzel ist, erlebt man spätestens dann, wenn Abstinenz nicht vor allem den Körper, sondern tiefe, bisher verdrängte Gefühle wachruft. Dann zeigt sich: Der Weg aus dem Alkohol ist auch ein Weg hin zu echter Gefühlsverarbeitung, zu Selbstregulation auf einem neuen Level – und oft zu einer ganz neuen, ehrlichen Begegnung mit sich selbst.

Ausstieg aus der Alkohol-Normalität – alternative Wege
Es braucht Mut, auf das scheinbar „normale“ Trinken kritisch zu schauen – gerade, wenn fast alle im Umfeld es tun. Der erste Schritt raus aus der Automatik beginnt immer mit ehrlicher Selbstbeobachtung:
Wie oft trinke ich – wirklich? Bei wem, in welchen Situationen, zu welchem Gefühl?
Häufig ist das eigene Glas im Alltag so sehr zur Gewohnheit geworden, dass erst längere Reflexion oder eine Zeit des bewussten Weglassens zeigt, wie tief das Verlangen eigentlich wirkt – und wie viel eigentlich damit reguliert wird.
Warum „Maßhalten“ kein echtes Gegenmittel ist:
Viele probieren, bewusst weniger zu trinken („nur noch zum Essen“, „kein Alkohol unter der Woche“), doch oft zeigt sich: Das Bedürfnis nach Alkohol verlagert sich nur auf andere Momente – oder wird zum stillen Monolog zwischen Gefühl und Selbstdisziplin. Denn solange der unbewusste Wunsch nach Zugehörigkeit, Stressabbau oder emotionaler Betäubung nicht gesehen wird, bleibt „Verzicht“ reine Willensanstrengung – und das System sucht weiter nach Ersatz.
Wie können echte Alternativen aussehen?
- Körpergefühl neu entdecken: Regelmäßig bewusst wahrnehmen, wie sich der Körper ohne Alkohol anfühlt. Werde neugierig auf Angst, Leere oder Unruhe, anstatt sofort etwas zu betäuben.
- Sozialkontakte bewusst gestalten: Lade Freund:innen zu alkoholfreien Treffen ein und spüre, wie sich echte Begegnung anfühlt. Was ist anders, wenn niemand anstößt oder rote Wangen braucht?
- Rituale verändern: Etabliere neue Abend- oder Wochenendrituale – Tee statt Bier, kleines Spaziergangsritual, Gespräch statt Absacker.
- Veränderungsriten zulassen: Sei offen für das „Ungewohnte“ und gib dir selbst Zeit, etwas Neues zu erleben, auch (und gerade) wenn es erst einmal unsicher macht.
Wo bekommt man Hilfe, wenn das „Normal“ zum Problem wurde?
- Erste Anlaufstellen sind Hausärzte, Beratungsstellen für Suchtfragen oder Selbsthilfegruppen (z. B. Blaues Kreuz, Freundeskreise oder die Drogenberatung vor Ort).
- Viele erfahren in therapeutischer Begleitung (systemisch, traumasensitiv, körperbasiert, Polyvagal, EMDR) erst, wie viel mehr unter dem Trinken liegt – und lernen, andere Wege der Selbstregulation und Beziehung zu finden.
- Coaching kann helfen, eigene Muster zu erkennen und den Alltag so zu strukturieren, dass Rückfälle weniger wahrscheinlich werden.
Das Wichtigste: Veränderung beginnt nicht mit dem totalen Verzicht, sondern mit Ehrlichkeit, Neugier und der Bereitschaft, den eigenen Weg aus der „Normalität“ neu zu erfinden.
Selbstcheck: Wie stehe ich zum Alkohol?
Kreuze einmal ehrlich an – wie oft trifft das auf dich zu:
- Ich trinke (fast) täglich Alkohol – egal ob Bier, Wein oder Spirituosen.
- Ich merke manchmal, dass ich ohne ein Glas am Abend schlecht abschalten kann.
- Ich trinke vor allem mit anderen, um lockerer oder dazugehörig zu sein.
- Ich habe schon mal heimlich getrunken oder mein Trinkverhalten verharmlost („so viel ist das gar nicht“).
- Ich habe erlebt, dass aus „nur einem Glas“ manchmal deutlich mehr wird.
- Ich habe schon versucht, bewusst weniger zu trinken – und war überrascht, wie schwer es fiel.
- Streit, Stress oder bestimmte Gefühle führen öfter dazu, dass ich mehr trinke als mir lieb ist.
- Freunde, Partner:innen oder Ärzte haben mich schon angesprochen – ich habe es abgewiegelt.
Antworten:
Wenn du mehr als zwei Aussagen mit „Ja“ beantwortest, lohnt sich eine ehrliche Selbstreflexion.
Überlege: Ist Alkohol für dich wirklich ein Genussmittel – oder schon ein verdecktes Werkzeug gegen Unwohlsein, Leere oder sozialen Druck?
Alkoholtypen nach Jellinek – Wo finde ich mich wieder?
- Alpha-Trinken: Trinken zur Entspannung, gegen Stress, zur Beruhigung (z. B. abends zum „Runterkommen“). Keine körperliche Abhängigkeit, aber emotionale.
- Beta-Trinken: Gelegenheitstrinken bei Festen, Stammtisch, geselliger Anlass – oft ohne Kontrollverlust, aber regelmäßige Gewohnheit (z. B. jedes Wochenende trinken, ohne „müssen“).
- Gamma-Trinken: Suchtverhalten, Kontrollverlust, Trinkexzesse, steigender Bedarf („Wenn ich anfange, kann ich oft nicht mehr aufhören“; Blackouts; immer mehr Alkohol nötig, um Wirkung zu spüren).
- Delta-Trinken: Täglicher Konsum, Entzugssymptome, kaum Phasen ohne Alkohol möglich (z. B. morgendliches Zittern, das erst nach dem ersten Glas verschwindet).
- Epsilon-Trinken: Periodisches Trinken, einzelne „Exzesse“ („Quartalstrinker“/Rauschtrinken – Phasen ohne Alkohol, dann plötzliche Exzesse).
Wichtig: Viele Menschen schwanken zwischen den Typen – Problemtrinken kann schon lange vor „richtiger“ Sucht beginnen. Nutze die Typen zur Selbstreflexion, nicht als Beruhigung. Es zählt dein eigenes Empfinden und deine Ehrlichkeit, nicht die Kategorie.
Mal ganz nüchtern: Wie sieht ein neues „Normal“ aus?
Alkoholkonsum gehört in unserer Gesellschaft immer noch so sehr zum Alltag, dass viele gar nicht mehr wahrnehmen, wie eng das eigene Leben und das Miteinander von diesem „Normal“ bestimmt werden. Was, wenn wir den Schleier der Selbstverständlichkeit einmal heben?
Wie sähen Freundschaften, Familienfeiern, Arbeitskolleg:innen und gesellschaftliche Begegnungen aus – wenn niemand sich hinter dem „Bacardi Feeling“ verstecken müsste, wenn jedes Gefühl, jeder Gesprächsstillstand, jeder Konflikt offen angesprochen würde statt im Alkohol zu verschwinden?
Was würde passieren, wenn wir nicht länger erwarten würden, dass jeder mittrinkt, dass Feiern immer ein Rausch sein müssen, dass das Glas auf dem Tisch zum guten Ton gehört?
Was würde mit Scham, Angst, Traurigkeit, Überforderung, Anspannung – und echter Freude, Nähe, Lebenslust in einem System, in dem Gefühle nicht betäubt und Zugehörigkeit nicht gekauft werden muss?
Vielleicht würde eine Gesellschaft, in der Nüchternheit nichts mit Verzicht, sondern mit Bewusstheit und echter Begegnung zu tun hat, vielen alten Mustern die Macht nehmen – und neue Formen der Verbindung und Selbstwahrnehmung hervorbringen.
Vielleicht fängt gesellschaftlicher Wandel genau da an: bei der Entscheidung, den Alkohol nicht als Feind, Moralfrage oder Identitätsproblem zu diskutieren – sondern zu erkennen, wie viel Klarheit, Ehrlichkeit und Entwicklung dann erst möglich werden.
Sich gemeinsam zu trauen, nüchtern – und damit wirklich lebendig – zu feiern : Das wäre vielleicht das eigentliche Bacardi Feeling einer neuen Zeit.


